Aus der Geschichte, Teil 2
"Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit. Damit das, was in der Zeit geschieht, nicht mit der flüchtigen Zeit dem Gedächtnis der Menschen entgleitet, ist es notwendig, dass mit dem Zeugnis der Schrift bekräftigt werde. Deshalb wollen wir, Reinhard von Hanau, dass sowohl den Gegenwärtigen als auch den Zukünftigen bekannt sei, dass wir die uns rechtmäßig freie Kapelle in Hirzbach wegen Gott und der gesegneten Gottesmutter Maria und aller Heiligen Gottes zur Vergebung unserer und unserer Vorfahren Sünden, dem Hause des Hl. Antonius zu Roßdorf und den dort weilenden Brüdern überlassen und geschenkt haben, mit allem Zubehör, nämlich mit den Gütern, die es jetzt hat und in Zukunft erhalten kann, mit vollem und immerwährendem Recht uneingeschränkt und frei zu besitzen. Zur Veranschaulichung dieser Handlung geben wir gegenwärtige Urkunde mit der Befestigung unseres Siegels.Geschehen im Jahre des Herrn 1254, den 10. Oktober."
Die Urkunde weist darauf hin, dass die Kapelle bis zu dieser Schenkung eine Eigenkirche der Herren von
Hanau war. Das bedeutet, dass die Herren von Hanau frei über sie und ihre Geistlichkeit verfügen konnten,
ohne Einfluss der Amtskirche. Die großen Zeiten des Eigenkirchenwesens wäre vorüber, so war diese Schenkung
eine folgerichtige Tat.Der Antoniterorden, dem die Kapelle mit Gütern übertragen wurde, gründete sich Ende
des 11. Jahrhunderts als Genossenschaft von Krankenbrüdern, den "Hospitalitern des Hl. Antonius" und wurde
1218 durch päpstliches Dekret zu einem in der Krankenpflege tätigen geistlichen Orden. Dieser breitete sich
sehr schnell in Europa aus. In Deutschland entstanden sechs Generalpräzeptoreien, darunter Roßdorf,
möglicherweise als älteste. Vermutlich ging diese frühe Gründung auf das Betreiben der Herren von Hanau zurück.
Nahezu gleichzeitig mit dem Antoniterkloster in Roßdorf kam das Prämonstratenserkloster in Ilbenstadt im Jahr
1255 durch Schenkung zu einem Gut in Hirzbach. Und auch der Johanniterorden wurde mit Besitz in Hirzbach bedacht,
der Zeitpunkt der Übertragung ist allerdings nicht belegt. Im Jahr 1365 wurde ein weiterer Besitzwechsel in Hirzbach
urkundlich dokumentiert, als ein Geistlicher das dritte Hirzbacher Gut für den Antoniterorden erwarb.
Da sich die Hirzbacher Güter vorwiegend im Besitz geistlicher Orden befanden, und diese Güter von
wechselnden Pächtern bewirtschaftet wurden, entfaltete sich kein übliches dörfliches Gemeinwesen mit Verwaltung.
Hirzbach gehörte bis 1421 zur Gemeinde Roßdorf und wurde dann Marköbel zugeschlagen. Das Verhältnis zwischen den
Grafen von Hanau und den Antonitern hatte sich wohl derart verschlechtert, dass letztere die Konsequenz zogen, und
ihren Konvent 1441 nach Höchst am Main verlegten. Trotzdem hielten sie aber zunächst die Tradition aufrecht,
wöchentlich zwei Messen in der Hirzbacher Marienkapelle zu lesen. 1534 schließlich wurde der vermutlich letzte
Antonitergeistliche in Hirzbach erwähnt. Mit der Reformation trat eine gänzlich neue Situation ein. Die Grafschaft
Hanau schloss sich schon 1523 der neuen Glaubensrichtung an und spätestens 1549 war auch Marköbel evangelisch. 1566
wurde offiziell der katholische Gottesdienst in der Hirzbacher Kapelle eingestellt, gleichzeitig wurde der
protestantische Pfarrer aus Marköbel verpflichtet, dort wöchentlich eine Predigt zu halten. Das Eigentum der
Antoniter wurde dabei aber nicht angetastet. Dadurch entstand der kuriose Umstand, dass das Gotteshaus eines
katholischen Ordens von der evangelischen Kirche genutzt wurde. Deshalb ergaben sich endlose Auseinandersetzungen
zwischen dem Marköbler Pfarrer und dem Höchster Antoniterkloster über die Instandhaltung des Gebäudes.
Auch für die Hirzbacher Pächter, die unverschuldet zwischen zwei Glaubensrichtungen geraten waren, muss dies
unangenehm gewesen sein. Dann kam die Katastrophe von 1634, als Marköbel und Hirzbach in den Wirren des
30jährigen Krieges in Schutt und Asche gelegt wurden. Es dauerte annähernd 100 Jahre, bis Hirzbach wieder
die Bevölkerungszahl von vor 1634 erreicht hatte. Nach den vorliegenden Quellen war die Nutzung der Kapelle
im Jahr 1695 auf zwei Gottesdienste im Jahr zu Maria Verkündigung am 25.März und zu Maria Geburt am 8. September
zurückgegangen. 1750 schreibt ein Hanauer Chronist:
"Diese Capell steht noch heutzutag auf dem Hof daselbst, doch wird sie weiter nicht gebraucht, als dass ein
reformierter Pfarrherr zu Marköbel alle Jahr mit einer Predigt den Gottesdienst darin verrichtet."